Vom Schrebergarten zum "Gartenhaus im Ziergarten"

Seit dem Jahre 1934 besitzt meine Familie im Kleingartenverein "Ober dem Heustadlwasser" einen "Schrebergarten" auf der Parzelle Nr. 8.

Bis zum Ende des 2. Weltkrieges und darüber hinaus, in der trostlosen Nachkriegszeit, war der Schrebergarten ein Nutzgarten im wahrsten Sinne des Wortes, wobei die darauf befindliche Laube, oder das primitive selbstgezimmerte Häuschen, als nützliche "Nebensache" angesehen wurde.

Die Kleingärtnerische Nutzung bestand im Anbau von Gemüse aller Art, bis zu Erdäpfel in der Nachkriegszeit und der Pflanzung von Obstbäumen, wobei alles verwertet wurde, was an Pflanzen und Früchten eßbar war. Ich kann mich noch erinnern, was meine Mutter zur Verbesserung unserer Vorkriegs- und Nachkriegsernährung aus unserem Garten alles "herausholte": Salate, Kohl, Kohlrüben, Spinat, Zwiebel, Radieschen, Karotten, Fisolen, Schnittlauch, Petersilie, Paradeiser, Paprika usw. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit, ist aber Ausschnitt - "Quer durch den Gemüsegarten".

Darüber hinaus wurden Ribisel zu Marmelade, Saft oder auch Wein verarbeitet. Stachelbeeren (Ogrosl) und Himbeeren wurden zu Kompotten, Äpfel und Birnen für den Winter gelagert oder zu Saft gepresst, wobei angestochenes und angeschlagenes Obst ausgeschnitten und dafür verwendet wurde. Einige Weinstöcke - Selbstträger - trugen reichlich blaue Trauben, die von allen gegessen oder zu Saft verarbeitet wurden. Es wurde nichts weggeworfen, es wurde alles verwertet! Natürlich waren diese Gärten keine Ziergärten, sondern mit ihren Obstbäumen, Ribiselsträuchern und Gemüsebeeten platzmäßig voll ausgelastet. Wir Kinder spielten daher auch nicht in den Gärten sondern in den damals noch unberührt vorhandenen Auen und Wiesen.

Die Kleingartenanlage "Ober dem Heustadlwasser" war wesentlich kleiner als die heutige Anlage. Vom Stadion, an dessen Errichtung ich mich noch gut erinnern kann, bis auf die Höhe des heutigen Gasthaus Futterknecht, war eine große Wiese, die vom Österreichischen Vorkriegsbundesheer als Übungsplatz benutzt wurde. Weiters reichte vom Stadion bis zum "Waldhaus" der Großfamilie Koch (21 Kinder), das Haus ist heute noch vorhanden, der umzäunte Pratergolfplatz (jetzt Kleingartenverein Sonnenschein). Bäume, Sträucher und Wiesen rund um die kleine ruhige Gartensiedlung waren ein "Eldorado" für uns Kinder.

Dankbar erinnere ich mich an die Jugendzeit zurück, die ich vor allem in den Ferien in dieser natürlichen Umgebung verbringen durfte. Inzwischen sind 61 Jahre, seit wir Gartenbesitzer sind, vergangen und es hat sich vieles geändert.

Der sogenannte "Wohlstand" kam auch in die ehemaligen Schrebergärten. Eine gewisse Zweckentfremdung der ursprünglichen Schrebergartenidee fand ihren Einzug. Natürlich war man nicht mehr auf die arbeitsaufwändige Gartenernte angewiesen - Not im Sinne der Arbeitslosenjahre vor 1938 gab es Gott sei dank, keine mehr. Also fand ein Umdenken in der Gartennutzung statt.

Aus Schrebergärten wurden mehr und mehr Ziergärten. Die Arbeit im Garten wurde zum Hobby und zur Freizeitgestaltung mit möglichst wenig Arbeitsaufwand. Aus Beeten wurden Rasenflächen - statt der Obstbäume wurden Zier- und vor allem Nadelbäume und Sträucher gepflanzt. Die selbstgezimmerten Gartenhäuschen verschwanden mehr und mehr. "Kleine" aber immerhin 3x35 Quadratmeter große Häuser aus modernen Baumaterialien mit zum Teil aufwändigen Einrichtungen, wurden als Zeichen des Wohlstandes in die 300 Qudratmeter große Gartenfläche gestellt. Der Trend zu noch größeren Häusern mit 50 Quadratmetern, bzw. zum Eigentumserwerb des Gartengrundstückes zeigt die Entwicklung, vom Kleingarten weg, zur Wohnsiedlung. Ob dieser Trend der richtige Weg in die richtige Richtung ist, werden unsere Nachfolgegenerationen zu beurteilen haben. Die Handpumpen wurdne von modernen Wassermotorpumpen abgelöst, das Spritzen der Gartenanlage erfolgt mit dem Schlauch statt der Gießkanne oder dem Sprenger, oder man baute sich gleich eine automatische Sprinkleranlage ein. Motor- und Elektrorasenmäher, Motorbaumsägen, Motorheckenscheren, Vertikutiermaschinen, Hechsler oder der Bastlerlärm von elektrischen Sägen sowie singenden Trennscheiben, sorgen abwechselnd für "kurzzeitige" Lärmunterbrechungen in der modernen "Wohlstandsgartenidylle".

Während der Gartensaison florieren "gartenüberschreitende Gartenfeste" manchmal mit oder ohne nachbarliche Zustimmung und sorgen für "beschauliche Erholung" im Nachbargarten.

Waren wir als Kinder froh, nicht im Garten sondern in der freien Natur spielen zu können, wissen die heutigen Kinder wenig, was es für Möglichkeiten gibt, in der freien Natur spielen zu können.

Nicht zu vergessen die allgemeine nervöse Mobilität der Menschen unserer Tage, die sich selbst auf Wegen und Zufahrten in der Gartenanlage bei manchem durch Hektik auswirkt. Alle diese "Wohlstandauswirkungen" prägen natürlich auch die heutigen Gartengenerationen, wobei es oft zu Gehässigkeiten und Streitigkeiten zwischen Gartennachbarn kommt. Ein zusätzliches Erholungsdefizit, da sich in den offenen Gartenanlagen bis zur Unerträglichkeit steigern kann. Daher ist ein wesentlicher Beitrag zur Gartenwohnqualität die gegenseitige Rücksichtnahme zwischen den Gartennachbarn - der ich mich immer erfreuen durfte - und dich ich allen Gartenfreunden nur wünschen kann.

Seit mehr als 32 Jahren bin ich Gartenbesitzer der Parzelle Nr. 8. Auch ich habe mich dem neuen Gartentrend nicht verschließen können. Auch ich habe meinen Garten zum Ziergarten gemacht. Aber immer noch bestrebt, den Garten in den Vordergrund zu stellen, obwohl wir viele Monate des Jahres in einem "Noch-Gartenhaus" wohnen.

"Noch-Gartenhaus" soll heißen, eine Alternative zur Stadtwohnung. Wir wohnen im wahrsten Sinne des Wortes "im Holz". Es gibt keine Ziegel, keinen Beton, keine Fließen und Tapeten. Wir fühlen uns in unserem finnischen Blockhaus wohl, während wir in unserer Stadtwohnung alle diese "Komforteinrichtungen" nützen. Wir glauben wenigstens einen Teil alter Gartenromantik in die Jetztzeit hinüber gerettet zu haben, indem wir zeitweise auf den "Stadtwohnungskomfort" verzichten können.

Mit dieser Darstellung der Kleingartenentwicklung in den vergangenen Jahrzehnten, möchte ich zum Nachdenken anregen, aber keinesfalls Meinung oktroyieren! Jeder Gartenbesitzer soll natürlich selbst entscheiden, wie er seinen Garten nutzen will. Nur alleine sind wir in unseren, nach wie vor Kleingärten nie! Gartenglück hängt wesentlich von guter Nachbarschaft ab!

Viele schöne und erholsame Gartenjahre wünschen
Helga und Karl Schneps (geschrieben für die 75 Jahre Festschrift)

Gartenbewerbung

Information zur Gartenbewerbung
Leider kann unsere Vereinsverwaltung derzeit keine Bewerbungen für eine Gartenparzelle in unserer Anlage annehmen (weder per E-Mail noch handschriftlich). Wir haben bereits sehr viele Vormerkungen (mehr als Gärten) und das ergibt lange Wartezeiten! Bitte wenden Sie sich an den Zentralverband der Kleingärtner Österreichs. Hier erfahren Sie ob frei gewordene oder neu aufgeschlossene Parzellen zur Verfügung stehen! Die Homepage des Verbandes: http://www.kleingaertner.at Mit freundlichen Grüßen Die Vereinsverwaltung